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Larpmeinung: Soziale Inkompetenz verbrennt Veranstaltungsorte

Jörg schreibselt:

  • Kurz gesagt: Nachdenken und gesunder Menschenverstand könnte Locations retten. Aber irgendwie habe ich da nicht viel Hoffnung. Originalartikel

Ich hab die eigentlich fast aufgegeben.

Sicher, einer der Hauptverursacher einer Welle von verbrannten Lokationen hat seine Taten eingestellt, indem er darauf verzichtet, weiter Cons zu veranstalten (was wohl auf diversen Jugendherbergsburgen zu spontanen Freudenfesten Anlass gab, hat der doch alleine 5 davon auf dem Gewissen). Aber es sind würdige Nachfolger gewachsen.

Seien es Helden, die dem Herbergsvater auf seine freundliche Bitte hin, nachts um halb 4 in dem Tavernenraum (der oberhalb seines Schlafzimmers liegt) ein wenig "weniger stampfende Tänze aufzuführen" weil er ja morgens wieder das Frühstück machen müsse, dann mitteilen, dass man die Burg schließlich gemietet habe und er jetzt unerwünscht sei; oder seien es wunderbar Sonderbegabte, die auf der Orchideenwiese im Wald ihre Endschlacht abhalten wollten; vollständig erwachsen waren auch jene, die auf hellem Birkenholzparkett mit rotem Kerzenwachs das Pentagramm für den Ritualkreis tropften und sich dann über die Rechnung der Erneuerung freuten, oder die Einsicht in die wunderbare Welt der Dunkelelfen boten, die sich mit den Spielern in einer frisch renovierten Juhe durch die Gänge prügeln, was dort schwarze Streifen an den Wänden hinterließ, und die auch davor nicht zurückschreckten, einen Spieler durch Einsatz mäßiger Gewalt aus der Dusche zu holen - zu blöd, dass dabei die Duschkabinentür zu Bruch ging.

Also auf dem Gebiet seh ich im wahrsten Sinne eher schwarz; solange auch nicht ein Funke an sozialer Kompetenz in vielen Orgas und noch mehr Spielern schlummert, wird das nie was. Da erzählen mir zu viele Herbergsleiter und Verwalter zu viele Dinge, über die ich den Kopf schüttle und dann traurig auf die Frage, was denn mein Hobby sei, antworte "Makrameearbeiten und das Übersetzen tibetanischer Handschriften". Komisch, dass man sowas eigentlich nur von Larper und ähnlich inkonsistenten Jugendgruppen hört, aber fast nie aus dem Reenactor-Lager, zumindestens nicht bei denen, die den Namen auch wirklich verdienen.

Und dann haben wir das Thema Alkohol. Immer wieder gerne genommen und immer wieder gerne wegignoriert.

Da hat eine Orga Glück und bekommt ein Gelände mit einem Haken, nämlich der Wahl zwischen Korkengeld und Ausschank eigener Getränke, oder dem Bezug derselben durch den Betreiber der Gaststätte vor Ort. Natürlich bei gleichzeitigem Verbot eigene Alkoholika oder Getränke mitzubringen. Sofort schwillt dem Volke der Kamme, es ruft "Gebt Getränkefreiheit, Sire!" und bringt mit, was Aldi und Lidl so hergeben. Natürlich bleiben dann nicht nur der Ruf des Veranstalters, sondern auch 15 cbm an Müll auf der Wiese verteilt zurück.

Eine andere Orga läßt gegen besseres Wissen Minderjährige auf den Con, wohl ahnend, dass die in den sonst vor Ort vorhandenen Gruppen ein wenig unter "die Räder kommen" können, aber man hat diese praktischen "Einverständniserklärungen der Erziehungsberechtigten" und da kann ja nix passieren. Pustekuchen, da hat die 16 jährige Dummtrine sich 2 Flaschen Wodka besorgen lassen, kippt sich die in den Hals und wird mit einer Alkoholvergiftung, wie sie im Bilderbuch steht, von den Consanitätern ins nächste Krankenhaus eingeliefert. Wer ist nun dran gestorben? Das, was Darwin schon zurechtgelegt hatte, zum Ausmendeln? Nein, wieder mal der Ruf eines Veranstalters, der nix dafür kann, weil er nicht überall sein kann, wo sowas passiert. Und weil halt die Volltrottel dieser Welt so unglaublich findige Kerlchen sind, die immer einen Weg finden, ihre Trotteligkeit unter Beweis zu stellen.

Es soll sogar Helden in Röcken geben, die in der Nacht im WC Häuschen lustige Kreise von der Höhe der Brille auf den Boden zeichnen, weil es Sommer ist und das Spaß macht und die dann den Reinigungsdienst, der dies nicht so goutiert, ein wenig aufmischen, weil der sie doch in ihren Persönlichkeitsrechten angreift. (Bevor ich jetzt verdächtigt werde, einseitig gegen Rockträger und ahnliche Gruppen zu zielen: In meiner langen Spielerzeit habe ich eine gewisse Verschiebung festgestellt, die mich glauben läßt, dass es eine Gruppe Personen gibt, die Vorwände brauchen, um saufen zu können und diese Vorwände am ehesten bei Schotten und Nordmännern vorfinden. Dass dies auch dort eine nicht gerne gesehene Gruppe ist, weiß ich, aber jeder muß sich halt an dem messen lassen, mit dem er ins Bett geht ... Den Contrinker als Archetyp gibt es überall und in jeder Form, Größe und Farbe, selbst in jedem der 3 - 5 Geschlechter ist er zu finden).

Ich könnte diese Aufzählung endlos weiter betreiben, lass das aber. Genauso verzichte ich auf die Nennung von Namen von Personen, die ich persönlich als Contrinker kennengelernt habe und die da auch noch stolz drauf sind, weil "saufen bis der Azt kommt" halt geil ist, Zitat Ende.

Der Kernsatz mußssnämlich auch noch hier rein und der lautet nicht "Die anderen sind die Arschlöcher, die uns das versauen!" Nö. Jeder von uns ist selber dran schuld! Jeder, der nicht nachdenkt, was er tut, der sich im Überschwang des Spiels hinreißen lässt, Grenzen von Privatgrundstücken niederzutreten, Naturschutzgebiete einfach plattzuwalzen, Anwohner zu belästigen, Eigentum anderer einfach missachtet, passiv zuschaut, wenn sich andere schwachsinnig die Kante geben, Minderjährigen Alkohol mitbringt, weil das doch cool ist, Regeln, die eine Orga aufgestellt hat, um den Erfolg der Veranstaltung zu garantieren, missachtet, weil ja alle Larper irgendwo Rebellen sind, säuft, bis der Arzt kommt und zuguckt, wie andere es ihm gleich tun, ohne sich zu überlegen, was dies für Folgen nicht nur für sich alleine, aber für alle hat.

Fazit: Soziale Kompetenz hat man entweder (was zu glücklichen Spielen in schönen Lokationen führt, die man tunlichst nur sehr gut bekannten Orgas mitteilt, und wo man immer wieder gerne hindarf), oder man bekommt sie mit einem größeren Gegenstand eingebläut (heutzutage - wie die gesamte sehr notwendige Erziehung der lieben Kleinen - gerne durch Geld, hier Strafgelder, ersetzt) was aber schlecht für andere ist, die im gleichen Topf sitzen, weil die oft gar nicht mal erfahren, welcher Bus sie da jetzt gestreift hat.

Und genau aus der Verallgemeinerungstendenz der Öffentlichkeit und der Inhomogenität der Larp-Veranstalter innerhalb der Mittellande heraus sehe ich wenig Chancen für ein "Gütesiegel", das auch nix anderes wird als die Schusswaffenregel. Denn wenn ich schon Richtlinien erlasse, muss ich diese prüfen und durchsetzen, wer macht das, und nach welchen Kriterien, wo ist die unabhängige Stelle, die entscheidet, ob "gut" wirklich "gut" oder nur "wir sind toll" heißt. Und, wie auch schon bei der ML Sitzung selber, erhebe ich den warnenden Finger des Eintritts in eine Fremdhaftung, der schnell passiert, wenn ein Dachverband unbedacht in einem Streitfall eingreift.

Das einzige Mittel, das da was hilft, ist das der klassischen Basisdemokratie. Die Entscheidung mit den Füßen. Jeder einzelne Larper ist aufgefordert, derartige Misstände für sich zum Anlass zu nehmen, sich zu beschweren und Cons von Orgas, die dadurch auffallen, nicht mehr zu besuchen, Mitspieler, die sich daneben benehmen, sollte man drauf ansprechen und, falls sie uneinsichtig sind, einfach meiden. Irgendwann nivelliert sich sowas auch weg. Und wenn der Verzicht auf Kampftrinker und Con-Kotzer bedeutet, dass weniger Leute Larp machen, auch gut, auf die erwähnten "Larper" ist gerne verzichtet.

Ich habe auf jeden Fall keine Lust, mir wegen des Missverhaltens einiger "Larp Hooligans" den von mir geschätzten und gepflegten abendlichen Plausch bei einem Bierchen, einem schönen Glas Wein, der auch mal einem Gläschen Single Malt versauen zu lassen, weil keiner dem mehr Herr wird ohne Alkoholverbote (die recht schwer zum Durchsetzen sein werden, so wie ich die Larper, die das nicht gut finden, kenne).

Aber wahrscheinlich hab ich wieder nur vergessen, dass in dieser "großen Familie" der Larper die Sache mit der Krähe schon zum Grundprinzip erhoben wurde und deswegen sich da nie was ändert, und lieber die Deutsche Ordnungs- und Reglementierungsmentalität durchgesetzt wird. Ist ja auch einfacher. Noch ein paar Regeln mehr, an die sich dann wieder keiner hält, machen auch nix weiter mehr aus.

Gute Nacht!

FredSchwohl

PS.: Wer so lange ausgehalten hat, bekommt als Betthupferl noch was Intellektuelles zum Nachdenken:

(Was kann er bloß jetzt damit wieder meinen ...)

Originalartikel im LarpInfoForum


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