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Meinung/Vermischtes/EhreTugendWürde

Larp-Meinung: Ehre, Tugend und Würde

Es sind öfters Charaktere zu beobachten, bei denen in der Konzeptbeschreibung oder auf dem Charakterbogen der Vermerk „ehrenhaft“ zu finden ist, manchmal auch „aufrichtig“, oder sogar „würdevoll“. So schön sich solche Beschreibungen lesen, so oft kommt nach dem Spielbeginn die Ernüchterung – das entsprechende Spiel ist oft alles Andere als die lässig versprochene Tugendhaftigkeit.

Das können Paladine sein, die hinterrücks Beschwerden an die Obrigkeit schreiben, oder Ritter, die Räubern, Orks oder Untoten in den Rücken fallen, allein mit der Begründung, solch ein Gesindel verdiene keine Ehre. Kleriker, die schmutzige Witze erzählen, und Hochadlige, welche sich mit ihren Männern in der Taverne betrinken. Das alles kann es natürlich geben, und manch ein Film oder Schauspiel wäre ohne derartig zwiespältige Charaktere ein ganzes Stück langweiliger.

Wenn nun aber ein Spieler eine derartige Rolle wie oben gesagt als „ehrenhaft“, „aufrichtig“ oder „würdevoll“ beschreibt, ist es entweder falsches Rollenspiel, oder falsche Charakterbeschreibung. Obwohl sich beides in gewisser Weise bedingt, ist ersteres wahrscheinlicher; also fragen wir getreu nach Joachim Bublath: „Warum ist das so?“

Allzu leicht fällt die Behauptung, es würden schlichtweg schlechte Spieler sein. Wenn man dann aber etwas genauer hinschaut, wird sichtbar, dass dieselben Spieler in anderen Bereichen durchaus fair, gut und bereichernd spielen. Woran liegt es also, dass es nur auf diesem Sektor Defizite gibt? Eine weitaus realistischere Antwort darauf ist, dass viele Menschen heutzutage keine genaue Vorstellung davon haben, was denn nun Ehre oder gar Würde bedeutet. Das bedeutet freilich nicht, dass Liverollenspiel hauptsächlich von verschlagenen Staubkriechern betrieben wird. Es ist nun mal der modernen Zeit zu schulden, dass der Ehrbegriff, der die Weltkulturen seit der Antike noch bis zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts durchzog, immer mehr verwässert ist. Die klassischen Tugenden der Helden aus Film, Fernsehen, Theater und Literatur, wie etwa Wahrhaftigkeit, Großmut oder Treue, werden heutzutage nur noch selten bewusst ausgeübt. Mal ehrlich: Wer bedient sich nicht öfter mal einer kleinen Notlüge oder freut sich über überzähliges Wechselgeld? Für einen Ehrenmann des 19. Jahrhunderts (und früher) undenkbar. Selbst der Begriff „Ehrenmann“ oder gar ein Mensch, der solchen Tugenden nacheifert, werden heute eher belächelt als bewundert.

Das sei nun nicht als Kulturpessimismus missverstanden – es ist lediglich ein Blick auf die aktuelle westliche Gesellschaft, in der die Ehre eben nicht mehr den Stellenwert besitzt, der ihr bis zur großen Strafrechtsreform 1969 sogar per Gesetz zuerkannt wurde. Dass diese Reform notwendig war, und dass es nur Begrüßenswert ist, dass heutzutage keine Ehrenhändel mehr mit Klinge oder Kugel ausgetragen werden, steht außer Frage. Es ist auch irrelevant. Fakt ist, dass dem durchschnittlichen mündigen Bürger von 1900 (1800, 1700 … 1000 und früher) Ehre mehr gesagt und bedeutet hat, als dem durchschnittlichen mündigen Bürger des Jahres 2000.

Deshalb versuche ich in diesem Text, nicht nur eine bloße Begriffsbeschreibung zu geben, sondern auch die zusammenhängende Bedeutung von Ehre, Tugend und Würde zu erläutern. So einfach, wie man „Ich spiele einen ehrenhaften Charakter“ sagen kann, ist das nämlich nicht. Es könnte jetzt eingeworfen werden, dass „Ehre“ und „Tugend“ nur Dinge sind, die für Charaktere aus speziellen (Hoch-)Kulturen stammen. Weit gefehlt! Deshalb formuliere ich die Strukturen etwas objektiver, um zu zeigen, dass derartige Begriffe durchaus auf jede mögliche Kultur mit einem irgendwie gearteten Wertesystem anzuwenden sind.

Ein paar Gedanken in diesem Text stammen von Philosophen der Aufklärung, und auch sonst mag manche neuzeitliche Wendung verwirren, da man sie ja schließlich auf eine mittelalterliche Fantasywelt anwenden möchte. Erklärend muss gesagt werden, dass die Aufklärer diese Strukturen nicht erfunden haben – Sie haben sie nur ausreichend beschrieben, und der Moderne entsprechend standesübergreifend auf das aktuelle Weltbild angewandt. Der erste, der diese Prinzipien formuliert hat, war (wie so oft) Aristoteles, der im 4. Jahrhundert vor Christus in seiner „Nikomachischen Ethik“ einen Grundstein der Moralphilosophie legte.

Daher sind diese Methoden wohl in beinahe jeder Kultur praktiziert, aber nur in den kulturell höher stehenden als solche erkannt worden. Auch ist ein subjektiver Bezug dieser Strukturen auf eine elitäre Gruppe denkbar –Adlige, Krieger, Magier etc., die sich selbst klar von „Niederen“ oder „Anderen“ abgrenzen.

Ehre

Fangen wir mit der Ehre an. Arthur Schopenhauer, der Philosoph der Pessimisten, schreibt darüber treffend: „Die Ehre ist, objektiv, die Meinung Anderer von unserem Wert, und, subjektiv, unsere Furcht vor dieser Meinung.“

Das bedeutet also zunächst, dass Ehre ein Wert ist, der durch eine Gesellschaft vermittelt wird. Sie ist die Achtungswürdigkeit innerhalb eines Kollektivs, sie vermittelt Ehrfurcht und Ansehen bei den Menschen, in deren Mitte man sich bewegt.

Thomas von Aquin schreibt als Kommentar zur aristotelischen Ethik: „Ehre ist die Verursachung der Ehrfurcht gemäß der Tugend.“ Da Aquinas ein Kirchenlehrer war, weiß man natürlich auch, welche Tugenden er meint. Sieht man mal davon ab, ist diese Definition aber auch jenseits von Katholizismus zu gebrauchen: Ein Mensch erlangt demnach Ehre, in dem er sich der jeweiligen Gesellschaft entsprechend tugendhaft verhält.

Im Gegensatz zu Ruhm, der langlebig ist und durch einzelne Taten erlangt wird, ist Ehre ein zugesprochener Wert, den es zu erhalten gilt. Man bewahrt ihn, in dem man sich der Gesellschaft, die diese Ehre zugesteht, als würdig erweist. Befleckt man die Ehre, trifft das die Gesellschaft; degeneriert die Gesellschaft, schmälert das die Ehre, die sie gewährt – ein Wechselspiel also.

Da Ehre also ein äußerer Wert ist, hat sie noch über den Tod Bestand. Somit ist sie der höchste Einsatz einer Person – höher noch als das Leben, welches bekanntlich mit dem Tod endet.

Tugend

Aber was sind nun die Tugenden, von denen Thomas so selbstverständlich schreibt, und denen gemäß Ehre gewährt wird? Natürlich, christliche Tugenden. Aber es gibt noch andere: kardinale, preußische, bürgerliche, weibliche Tugenden und viele mehr – Umfangreich aufs LARP bezogen sind sie hier zusammengestellt.

Friedrich Kirchner definiert Tugend im „Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe“ folgendermaßen: „[Tugend ist] die sittliche Beschaffenheit des menschlichen Wollens und Handelns. Während das Ziel des sittlichen Handelns das sittliche Gut … ist, bezeichnet die Tugend die Kraft des Menschen, sich und sein Handeln den sittlichen Pflichten und Zielen gemäß zu gestalten.“

Kurz und allgemein gesagt, ohne sich am Begriff des „Sittlichen“ zu stoßen, bedeutet dies: Tugenden bezeichnen ethische Güter, die in einer Gesellschaft als erstrebenswert gelten, aber auch die Kraft, diese Güter zu erreichen. „Die Tauglichkeit der Seele zu dem ihr zukommenden Werke“ nennt Platon das.

Was das nun für Werte sind, sei dahingestellt. Im Fantasybereich können diese Güter vielfältig sein; Kampfesruhm, Keuschheit, Kontinenz – was auch immer.

Diese Tugenden müssen nicht als solche bekannt sein, sie können auch lediglich wünschenswerte Qualitäten eines Gesellschaftsmitgliedes sein. Ob Ritter oder Barbar: sie alle streben nach Qualitäten, um unter Ihresgleichen Ansehen zu gewinnen. Man denke nur an das berühmte Zitat von Dschingis Kahn bzw. Conan: „Zu kämpfen mit dem Feind, ihn zu besiegen und sich zu erfreuen an dem Geschrei der Weiber.“

Demnach ist (und bleibt) man von Ehre, so man sich dauerhaft als Halter der erwünschten Qualitäten erweist. Der Schriftsteller Luigi Pirandello schrieb frappant: „Es ist leichter, ein Held zu sein als ein Ehrenmann. Ein Held muss man nur einmal sein, ein Ehrenmann immer.“

Das heißt also, dass sich ein wahrlich tugendhafter Mensch das „Gute“ (also das Erstrebenswerte) zur zweiten Natur gemacht hat, und er es leicht und mit Freude durch innere Neigung anstrebt. Selbst und gerade angesichts offener Untugend wird er an eigener Tugend festhalten, damit seine Ehre nicht geschmälert wird.

Würde

Im Gegensatz zur Ehre, die einen äußeren Wert darstellt, ist die Würde ein innerer Wert – ein Wesensmerkmal. Nun darf man Würde nicht mit Eitelkeit verwechseln; ein würdevoller Mensch ist nicht etwa hochmütig oder arrogant, sondern sich lediglich seines eigenen Wertes bewusst, und lässt nichts mit sich geschehen, welches diesen Wert senken könnte. In einem Brief an seine Mutter schreibt Antoine de Saint-Exupéry: „Denn es ist ein Mangel an Würde, wenn man sich allen Leuten hingibt.“ Augenscheinlich ist hier nicht die sexuelle Hingabe gemeint, sondern eher ein Anbiedern unter Verleugnung eigener Werte. Demnach ist vor allem wichtig, diese zu respektieren und zu achten. „Sollte er [der Mensch] nicht eine heilige Ehrfurcht vor sich selbst tragen und schaudern und erbeben vor seiner eigenen Majestät!“, emphasiert Johann Gottlieb Fichte.

Es gilt also, mit sich selbst und den eigenen Werten im Reinen zu sein. Aber nicht nur geistige Standfestigkeit, sondern auch moralische Kraft bedeutet Würde. Das sagt nämlich Schiller: „Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit, und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung.“ Aber was meint er mit „moralischer Kraft“? Nun, die Tugend. Eine Form von geistiger Gerechtigkeit, welche die Seele zur Ordnung ruft, und ihr so die Freiheit schenkt.

Als während der Aufklärung die menschliche Würde eine Renaissance erlebt, beschreibt Immanuel Kant des Menschen Würde folgendermaßen: „Der Mensch ehrt die Würde der Menschheit in seiner eigenen Person, hat Anspruch darauf, dass die Menschheit in seiner Person die Achtung der anderen Menschen erfährt und ist seinerseits dazu verpflichtet, die Menschheit im ‚Nächsten’ zu achten.“ Das klingt nun sehr verworren – ein echter Königsberger Klops, wenn man so will. Überträgt man Kants „Menschen“ nun aber auf eine beliebige Gruppe innerhalb einer Fantasywelt, dann gibt sich der Satz viel leichter. Nehmen wir für unser Beispiel den Paladin, also den würdevollen Charakter schlechthin: „Der Paladin ehrt die Würde der Paladine in seiner eigenen Person, hat Anspruch darauf, dass die Paladinwürde in seiner Person die Achtung der anderen Leute erfährt und ist seinerseits dazu verpflichtet, die Leute im ‚Nächsten’ zu achten.“ Es gilt also, den eigenen Wert zu kennen, und diesen nicht zu verleugnen.

Kontext und Charakterstärke

Ehre, Tugend und Würde gehen Hand in Hand. Ehre gewährt man uns, weil und damit wir sie durch Tugend in Würde bewahren. Es sind Werte, die nicht nur in entwickelten Hochkulturen gelten, sondern in jeder Gesellschaft. Natürlich scheint ein Barbar dem Ritter als untugendhaft und würdelos – aber nur deshalb, weil Ritter und Barbar aus unterschiedlichen Wertegesellschaften stammen. In seinem Stamm kann der Barbar einen ganz anderen Status innehaben: Hier zeichnet er sich vielleicht durch Trinkfestigkeit und Blutrausch aus, und genau das sind die „Tugenden“, die man in der Stammesgesellschaft anstrebt. Auch ein Meuchler ist ehrenhaft, wenn er den Codex seiner Gilde befolgt.

Outtime muss man also Ehre, Tugend und Würde immer im Kontext des Charakterhintergrundes sehen – und entsprechend handeln. Das heißt für den Spieler, dass er Werte seines Charakters und dessen Gesellschaft definiert, und dann entscheidet, wie charakterstark d.h. tugendhaft er diese Werte vertritt.

-- DanielJ, 30.1.2007 (BitteNichtStören)


Auch wenn ich deine Ausführungen sehr gut und treffend finde, muss man das Ganze doch auch etwas relativieren, weil Theorie und Praxis sehr weit auseinander sind. Sicherlich hast du recht, dass Ehre, Tugend, Wahrhaftigkeit etc. in früheren Jahrhunderten anders definiert wurden. Aber gerade in der Zeit die für's Fantasylarp relevant ist, also sagen wir mal Spätantike bis Renaissance, war doch die gelebte Ehre, Tugend und Würde eine andere als es die Philosophen stilecht zu Papier brachten. Auch die Menschen die als ehrenhaft angesehen wurden, waren dies nur bedingt. Da wurde geschändet, gemordet, geplündert was das Zeug hielt, aber man war trotzdem ein Mann von Ehre, weil man einem gewissen Stand angehörte, sich an gewisse Regeln der Kirche oder der Gesellschaft hielt, oder einfach weil man der Gewinner war. Christliche Ritter durften Heiden behandeln wie sie wollten, ohne ihre Ehre oder ihr Ansehn zu verlieren. Sklaverei war normal, genauso wie Ehebruch (zumindest von den Männern), Verrat und Meuchelmord waren grad zwischen den wohlgeborenen Ehrenleuten an der Tagesordnung. Ich finde es also durchaus stimmig, wenn sich ein Ritter als ehrenwert bezeichnet, aber Orks gegenüber sich nicht so verhält, denn diese zwei Seiten der Medaille sind doch gerade das faszinierend Unlogische (aus moderner Sicht) dieser Zeit, bzw. dieses Genres. Auch in späteren Zeiten ist doch oftmals eine Definition von der Perspektive abhängig. Die Gründungsväter der USA schreiben von Gleichheit und aller Menschen Freiheit, aber im Garten vor dem Haus arbeiten Sklaven. Ehre und Ehrenhaftigkeit, war immer nur auf bestimmte Gruppen von menschen bezogen, alle Heiden, Andersaussehende, Ausländer hatten diese Ehre und die eigenen Tugenden nicht verdient.

Daher sehe ich da nicht wirklich einen Missstand im Larp. Eher wird zuwenig gezeigt, dass alle Charaktere auch oftmals engstirnige Überzeugungen haben, die von außen oft unlogisch erscheinen. Ein Ritter kämpft ritterlich gegen einen anderen Ritter, aber nicht gegen einen Räuber, den erlegt er auf der Flucht mit seiner Armbrust. So läuft es normalerweise und das ist halt der Unterschied zwischen Theorie und Praxis.

MfG Nator


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