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TheatervsLarp

Theater vs. Larp

Larp und Theater; Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Schauspielerei und Larp haben gewiss einige Gemeinsamkeiten. Bei beidem versucht man in eine Rolle zu schlüpfen und diese durch Verkleidung, sprachliche Darstellung und passende Mimik/Gestik glaubhaft werden zu lassen. Troztdem gibt es markante Unterschiede, so dass viele Dinge, die beim Theaterspielen wichtig sind, fürs Larp eigentlich uninteressant werden. Der Hauptunterschied ist wohl, dass im Theater die Zuschauer nicht interagieren können. Somit ist es eine sehr entscheidende Forderung an die Schauspieler, dass sie stets so spielen, dass die Zuschauer die Handlung gut verfolgen können. Sie müssen darauf achten, immer im Blickfeld möglichst vieler Zuschauer zu sein und laut und deutlich zu reden.

Im Larp entfällt diese Vorraussetzung meist, da die anderen Spieler interagieren können. Zum einen ist es nicht immer erforderlich oder erwünscht, dass alle Mitspieler Handlungen verfolgen können, zum anderen können diese nachfragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Dennoch gibt es Situationen, in denen auch Larper (besonders NSC) gut daran tun, einige Besonderheiten des Theaterspielens zu berücksichtigen. Beispielsweise wenn ein NSC mit Sprechrolle einen Text aufsagt, den die versammelten Spieler möglichst gut aufnehmen sollen.

Was Larp jedoch mit Schauspielerei gemeinsam hat, das ist vor allem die Art und Weise, wie es dem Darsteller gelingen kann, seine Rolle glaubhaft und facettenreich zu präsentieren und den Zuschauer mit der Darstellung der Figur zu begeistern.

worum geht es denn bei der Schauspielerei?

Es geht darum, einem Publikum dadurch Freude zu bereiten, dass man eine bestimmte spannende oder lustige Situation nachspielt. Das ist im Larp im Prinzip ganz ähnlich. Doch wie schafft es ein Stückeschreiber bzw. ein Schauspieler, eine Rolle so zu verkörpern, dass der Zuschauer versteht, was vor sich geht, dass die Rolle interessant wirkt und "Charakter" bekommt?

Natürlich ist eine schöne Kulisse hilfreich. Erkennt der Zuschauer die Kulisse, kann er sich schnell die Szenerie des Stücks vorstellen. Jedoch zeigen uns zahlreiche Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart, dass eine ausreichende Kulisse für Theateraufführungen nicht immer vorhanden war und ist. Dennoch verzichtet man in aller Regel darauf, dem Zuschauer durch einen Sprecher mitzuteilen, welche Kulisse er sich vorstellen soll (wir sehen also, dass ein Theaterstück für gewöhnlich ohne Telling auskommt; dazu an anderer Stelle mehr). Vielmehr kann man von einem guten Theaterstück erwarten, dass aus den Dialogen und den Handlungen der Spieler deutlich wird, was auf der Bühne vor sich geht.

Gerade in klassischen Stücken gibt es oft in der ersten Szene eine kurze Einführung in das Stück. Dort fallen bedeutende Namen, es wird von wichtigen Ereignissen erzählt (eine bevorstehende Feier/Hochzeit etc.). Das kann zum Beispiel dadurch geschehen, dass sich zwei Figuren über das betreffende Thema unterhalten (Beispiel: Shakespeares Sommernachtstraum beginnt mir den Worten: "Nun rückt, Hippolyta, die Hochzeitstunde mit Eil' heran..."). Im Larp ist eine ähnliche Umsetzung auch denkbar. Beispielsweise, wenn man den Spielern nicht durch einen Herold oder ein Schriftstück erläutern will, was sich im Laufe der nächsten Tage ereignet, sondern wenn sie etwa nur beiläufig in der Taverne erfahren, dass auf den Räuberhauptmann eine Belohnung ausgesetzt ist.

Welche Rolle wird verkörpert?

Im Theater sollte sehr rasch zu erkennen sein, welche Figur ein Darsteller verkörpert. Dies geschieht unter anderem durch eine Verkleidung, die zu der Rolle passt. Ein guter Theaterintendant wird es vermeiden, den Herrscher und seine Untergebenen in der selben Kleidung erscheinen zu lassen. Auf der anderen Seite jedoch kann eine Gruppe von Figuren als zusammengehörig erkennbar sein, indem sie zueinander passende Kleidung trägt. Diese Grundsätze finden sich auch im Larp und zeigen auch dort große Wirkung.

Wie wir schon durch das BlöderHutCredo wissen, ist der Kopf der Teil des Körpers, auf den der Mensch am meisten achtet. Das wussten auch schon die alten Griechen. Die Verkleidung im griechischen Theater bestand im wesentlichen aus einer Maske, welche die Gesichtszüge der dargestellten Person so übertrieben zeigte, dass jeder gleich wusste, wer hier dargestellt wird. Also: Auch im Larp sollte man anhand von Kleidung und vor allem durch einen Blöden Hut oder gar Schminke auf den ersten Blick deutlich machen, welche Art von Figur man darstellt.

Wenn die Figuren zu sprechen beginnen, wird in aller Regel sehr rasch geklärt, welche Rollen verkörpert werden. Es werden Namen genannt, oft auch was die Figuren miteinander zu tun haben oder inwieweit sie verwandt sind. Im Larp ist das nicht ganz so einfach, da man kaum in die Situation kommt, dass ein großteil der Mitspieler zuhört, wenn sich zwei Spieler gegenseitig begrüßen. Das ist aber auch nicht so wichtig, da man sich ja durch die Interaktion gegenseitig kennen lernen kann. Anders als im Theater, wo die Zuschauer passiv sind und darauf angewiesen, was sich vor ihren Augen ereignet.

Dennoch trägt die Verkleidung (die Gewandung) im Larp eine wichtigere Funktion als im Theater, da man sich durch das Hilfsmittel des Erzählens nicht ganz so effektiv bedienen kann.

Noch ein Hinweis: Viele Spieler mögen es, ihre Figur dadurch interessant zu gestalten, dass sie den anderen gern mit einem Schweigen begegnet, dass sie in der Taverne in der letzten Ecke sitzt und sich selten an Handlungen beteiligt. Würde sich eine solche Szenerie im Theater darbieten, würde man davon ausgehe, es handle sich um eine Statistenrolle, also ist die Figur nicht bedeutungsvoll. Interessant sind vor allem Figuren, die Text haben oder sich an irgendwelchen Handlungen beteiligen. Das soll aber den Statisten nicht ihr Recht auf Existenz absprechen ;)

Theater kommt ohne Telling aus

Manchmal stößt man - im Theater wie im Larp - auf Situationen, in denen ein Ereignis nicht dargestellt werden kann, oder in denen bestimmte Requisiten nicht vorhanden sind. Dennoch kommt ein Schauspieler in aller Regel ohne sog. Telling aus. In Goethes Werk "Götz von Berlichingen" beispielsweise soll der Zuschauer ein Gefecht miterleben, ohne es selbst zu sehen. Stattdessen berichten Waffenknechte und die Figur Hans von Selbitz über das Gefecht, die von einem Wachturm aus selbiges überblicken können. Es wird also darauf verzichtet, dem Zuschauer glaubhaft zu machen, er könne die Szenerie sehen (wie beim Telling). Stattdessen wird das Problem sinnvoll umgangen.

Manchmal kommt es auch vor, dass entsprechende Requisiten fehlen, und man dem Zuschauer dennoch klarmachen will, dass sie da sind (so gesehen bei einer Aufführung von "der Besuch der alten Dame" von Dürenmatt, als darauf verzichtet wurde, ein Auto auf die Bühne zu stellen ;) ). Das ist aber eher ein seltener Missstand, die dann durch gelungenes Schauspiel wieder gut gemacht werden sollte. Ich habe trotzdem noch keinen Schauspieler gesehen, der seinen Zuschauern erklärt hat: "Du siehst wie ich einen Dolch in den Händen halte."

Auf Telling wird ebenfalls verzichtet, wenn es um Dinge geht, die den Schauspieler selbst betreffen. Ich hatte mal, als ich den Don Carlos von Schiller gespielt habe, die Textanweisung wechselweise errötend und erblassend, was mir in der Umsetzung deutlich schwer gefallen war. Ist eine solche Handlung für das Spiel wichtig, wird oft durch eine andere Figur in Form von gesprochenem Text darauf aufmerksam gemacht.

Im Larp hat man eine viel größere Bandbreite für Interaktionen, also sollte es uns dort doch ebenfalls möglich sein, auf Telling, ein doch eher unschöne Art des Spiels, zu verzichten.

Weitere Ratschläge

Optisches

Wir haben bereits gesehen, dass die griechischen Darsteller Masken benutzten, um sich zu verkleiden. Bei den Griechen hatte diese Maske auch noch eine andere sehr wichtige Funktion, die auch die Larp-SL im Bezug auf ihre NSC bereits kennt. Im klassischen griechischen Drama gab es selten mehr als drei Schauspieler, daher treten auch (mit Ausnahme des Chors) nicht mehr als drei Figuren in einer Szene auf. Die Darsteller mussten also in einem Stück mehrere Rollen spielen, und die Zuschauer sollten dennoch erkennen, welche Figur ein Schauspieler verkörperte, wenn er die Bühne betrat. Deswegen waren individuelle Verkleidungen (also wiederum individuelle Masken) für jede Rolle sehr wichtig. Auch NSC müssen meist mehrere Rollen verkörpern und sollten deswegen jede Rolle individuell darstellen können.

Man sollte in manchen Situationen darauf achten, gut sichtbar zu sein. Wenn man sich in einer Situation befindet, in der man gesehen werden will, sollte man an gewisse Dinge denken. Im Theater gilt die goldene Regel: Kehre dem Auditorium nie den Rücken zu. Selbst wenn man mit anderen Personen auf der Bühne spricht ist es üblich, eher an diesen vorbeizuschauen und somit den Zuhörern wenigstens die Schulter zuzuwenden, niemals jedoch den Rücken. Wenn man Requisiten in den Händen hält und mit der Seite zum Publikum steht, sollte man den Gegenstand immer in der Hand halten, die sich hinter dem Körper befindet, um den Zuschauern nicht die Sicht zu versperren.

Im Larp jedoch befinden sich, im Gegensatz zum Theater, die Zuhörer oft sowohl vor dem Redner als auch links, rechts und hinter ihm. Ein Zuhörer aber fühlt sich umso mehr angesprochen, wenn der Redner auf ihn schaut oder zumindest in seine Richtung blickt. Auch in einer solchen Situation sollte man dann darauf achten, dass keine "Requisiten" in der Nähe sind, die das Sichtfeld einschränken (Bäume, Zelte, etc.). Eventuell ist es angebracht, sich erhöht zu postieren (evt. bei einer "Lageransprache" des Heerführers etc.), schließlich ist die Theaterbühne normalerweise auch erhöht.

Ganz wichtig sind in der Darstellung Gestik und Mimik. Eine dargestellte Figur lebt nicht allein von einem tollen Kostüm und rollengerechter Sprache. Vor allem wenn man Emotionen ausdrücken will, ist die richtige Körpersprache wichtig. Dabei darf man auch gern ein bisschen übertreiben (es sollte aber nicht lächerlich wirken). Wenn ein NSC einen wichtigen, vorgefertigen Text sprechen soll, sollte er diesen nicht einfach nur auswendig lernen, sondern sich beim lernen auch schon überlegen, wie er ihn sprechen will, was er besonders betont und ob er seine Ansprache mit Gesten unterstreichen will. Am besten übt man vor Publikum, um das Lampenfieber zu verlieren und um Kritik entgegenzunehmen.

Wenn man mit anderen spricht und sich versucht, auf seine Rolle zu konzentrieren, haben viele Laienschauspieler das Problem, dass sie nicht wissen, wo sie ihre Hände hinmachen sollen. Im Theater bemerkt man das oft, wenn unerfahrene Schauspieler eine Stelle proben, in denen sie viel Text mit wenig Handlung haben. Die Arme dann einfach zu verschränken oder gar nervös damit rumzufuchteln (das machen gerade schüchterne oder sehr unruhige Leute besonders gerne), ist natürlich nicht schön und auch im Larp nicht immer angebracht. Tipp: Das ganze lässt sich sehr einfach umgehen, indem man sich kleine Gimmicks zu seiner Ausrüstung überlegt, durch die man die Hände beschäftigen kann (z.B. Gehstock oder andere Gegenstände, die man immer mit sich rumträgt, Pfeife rauchen, ...).

Akkustisches

Ein Schauspieler im Theater sollte die Ausspracheregeln beherrschen, nicht nuscheln, langsam, laut und deutlich reden. Im Larp muss das nicht unbedingt sein, da ein Charakter ja gerne unvollkommen sein kann. Aber auch hierbei gilt, dass in manchen Situationen, die man nicht dauernd unterbrechen kann, eine gute Aussprache den Mitspielern ermöglicht, den Text besser zu verstehen. Beim auswendiglernen von Text, der für das Spiel sehr wichtig ist (z.B. NSC, die einen plotrelevanten Hinweis liefern, SL Ansprache an ein sehr großes Publikum, Rituale auf einer Bühne etc.), kann man diese Regeln beherzigen. Auch ein Heerführer, der nuschelt, wirkt wahrscheinlich weit weniger imposant, als jemand, der eine deutliche Aussprache hat. Das ganze lässt sich trainieren. Man sollte beim Lernen vom Text darauf achten, sehr deutlich zu betonen (gerne auch übertrieben; beim Proben darf es lächerlich wirken). Das heißt vor allem:

  • Wortendungen deutlich sprechen. Kein -en oder -er am Wortende verschlucken!
  • Kein h oder r im Wortinnern vernachlässigen.
  • Nicht zu schnell sprechen. Laut und Langsam.

  • weiche Verschlusslaute von harten unterscheiden (also d von t, g von k, b von p).

Bei großen Veranstaltungen, die vielleicht sogar eine Bühne mit Mikrophon haben, sollte man auch daran denken, dass man sich nicht immer auf die Technik verlassen kann. Elektronik kann durchaus auch mal den Dienst quittieren, Tontechnik kann schlecht eingestellt sein und das Gesprochene etwas verwaschen. Hier ist deutliche Aussprache ganz besonders wichtig.

Besonders bei vornehmen (z.B. adligen) Charakteren kann es angebracht sein, auf die Ausspracheregeln zu achten. Hierzu noch ein paar Hinweise auf Fehler, die oft gemacht werden:

  • Gerade bei mir zu Hause in der Pfalz wird gern das ch nach hellem Vokal und das sch ähnlich gesprochen. Das ist jedoch falsch (ich != isch).
  • -ig am Wortende ("König") wird wie -ich gesprochen. Im Wortinnern ("Königin") verhält es sich aber anders.

Aber im Theater wie auch im Larp gilt: Falsche und undeutliche Aussprache oder Benutzung von Akzent und Dialekt kann auch beabsichtigt sein. So zum Beispiel, wenn eine Figur "weniger gebildet" wirken soll oder einfach aus einer fremden Gegend stammt, wenn jemand einen Betrunkenen spielt etc. Dennoch ist es im Theater üblich, nach wie vor so deutlich zu sprechen, dass die Zuschauer es noch verstehen. Larp gehorcht hier aber trotzdem anderen Regeln.

Kommentar

In klassischen griechischen Stücken war es unüblich, Kampf- und Sterbeszenen darzustellen. Stirbt eine Figur in einem griechischen Drama, erfährt der Zuschauer meist nur durch einen Dialog davon. Offenbar empfanden es Griechen nicht als unterhaltsam, solche Szenen im Theater zu sehen. Aus der Sicht des Larpers könnte man sagen, die Griechen waren die ersten Ambientespieler. Vielleicht können sie uns ja als Vorbild dienen ;)


Autoren: PatrickC 2006-09-25
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